Eine facettenreiche Auseinandersetzung mit zweieinhalb Jahrhunderten amerikanischer Geschichte erlebten die Gäste am 15. Oktober 2026 im Wiener Haus der Heimat, wo Historiker Univ.-Prof. Dr. Lothar Höbelt sein druckfrisches Werk ‚250 Jahre Vereinigte Staaten von Amerika‘ präsentierte, das im Wiener Karolinger Verlag erschienen ist.
Herzliche Begrüßung und Würdigung durch VLÖ-Präsident Norbert Kapeller
VLÖ-Präsident Norbert Kapeller eröffnete den Abend und begrüßte die anwesenden Vertreter der VLÖ-Teilorganisationen sowie interessierte Gäste.
In seiner Einleitung würdigte Kapeller die jahrzehntelange wissenschaftliche Arbeit Höbelts, der die österreichische und europäische Geschichtsschreibung mit zahlreichen Standardwerken geprägt hat. Zudem nahm Kapeller die Veranstaltung zum Anlass, dem Historiker nachträglich herzlich zu dessen 70. Geburtstag zu gratulieren, den Höbelt im vergangenen Sommer begangen hatte. Kapeller hob hervor, dass Höbelt sich durch seine tiefgehende Sachkenntnis, seine wiederholten Forschungs- und Lehraufenthalte an US-Universitäten sowie seine unbestechliche, analytische Schärfe wie kaum ein anderer dafür eigne, die wechselvolle Geschichte der Weltmacht facettenreich zu beleuchten.

Eine Revolution zur Bewahrung von Freiheit und Eigentum
In seinem anschließenden Vortrag nahm Univ.-Prof. Höbelt das Publikum mit auf eine fundierte und ebenso pointierte Reise durch 250 Jahre US-Geschichte. Er räumte dabei konsequent mit überholten Mythen auf und arbeitete heraus, warum das amerikanische Gesellschafts- und Verfassungsmodell im europäischen Raum oft grundlegend missverstanden wird.
Höbelt betonte, dass der Bruch der 13 Kolonien mit dem britischen Mutterland im Jahr 1776 im Grunde keine umstürzlerische, sondern eine bewahrende Bewegung gewesen sei. Die Siedler hätten primär ihre angestammten Freiheiten gegen die wachsende Besteuerung und Einmischung durch die Londoner Krone verteidigen wollen. Diese Haltung spiegele sich im frühen Leitspruch der Kolonisten wider:
„Die erste Fahne war eine Klapperschlange mit der Unterschrift ‚Don’t tread on me‘ – quasi: Steigt mir nicht auf die Zehen! Die Regierung soll uns in Ruh‘ lassen, das ist es, was wir wollen“, so Höbelt pointiert.
Aus diesem Freiheitsdrang heraus sei eine Verfassungsordnung entstanden, deren Kern nicht auf eine allmächtige Zentrale, sondern auf strikte Gewaltenteilung, Dezentralisierung und gegenseitige Kontrolle abzielte. Thomas Jeffersons Maxime, wonach diejenige Regierung die beste sei, die am wenigsten regiert, präge das US-amerikanische Staatsverständnis bis in die Gegenwart. Dass sich Präsident, Kongress und Gerichte im amerikanischen System häufig gegenseitig blockieren, sei daher kein Systemfehler, sondern ein bewusst eingeplantes Instrument zum Schutz der Bürger vor staatlicher Willkür.

Landnahme, Siedlergeist und der Wandel zur Wirtschaftsmacht
Besonderes Augenmerk legte Höbelt auf das 19. Jahrhundert, in dem sich die USA von einem schmalen Küstenstreifen zu einem kontinentalen Riesen entwickelten. Höbelt bezeichnete diese dynamische Epoche treffend als das „Wunderkind des Biedermeier“. Anders als im europäischen Feudalismus, wo Grundbesitz privilegierten Eliten vorbehalten blieb, bot der weite amerikanische Westen einfachen Einwanderern die Chance, mit eigener Hände Arbeit in kürzester Zeit Land zu erwerben und selbstständige Eigentümer zu werden. Dies schuf ein breites Fundament aus eigenverantwortlichen Bürgern, das revolutionären Tendenzen von vornherein den Boden entzog.
Auch die Rolle der mitteleuropäischen und altösterreichischen Auswanderer wurde beleuchtet. Hunderttausende Pioniere zog es im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Neue Welt – etwa nach Pennsylvania, Ohio oder Wisconsin –, wo sie mit ihrer Arbeitskraft das Rückgrat von Landwirtschaft, Gewerbe und industriellem Aufbau bildeten.
Vom Isolationismus zur Rolle des globalen Ordnungshüters
Auf außenpolitischer Ebene skizzierte Höbelt den dramatischen Wandel der USA im 20. Jahrhundert. Über Generationen hinweg habe das Land eine isolationistische Doktrin verfolgt und sich bewusst aus den Machtkonflikten der Alten Welt herausgehalten. Erst die beiden Weltkriege und die daraus resultierende geopolitische Verantwortung führten zum endgültigen Kurswechsel:
„1947 ist der große Kurswechsel: Die Deutschen, die immer Militaristen waren, denen verbietet man das jetzt, und die Amerikaner übernehmen den Militärapparat. Sie sind gezwungen worden, das Erbe des englischen Weltreichs anzutreten und Weltpolizist zu spielen“, erläuterte Höbelt.
Mit dieser weltweiten Präsenz ging die Entstehung eines dauerhaften militärisch-industriellen Komplexes einher, der bis heute maßgeblichen Einfluss auf das globale Geschehen ausübt.
Fazit und reger Gedankenaustausch
Zum Abschluss schlug Höbelt die Brücke in die unmittelbare Gegenwart. Er analysierte die innenpolitische Polarisierung der Vereinigten Staaten sowie das Phänomen moderner Präsidentschaftswahlkämpfe. Viele aktuelle Spannungen – von Debatten um Zuwanderung bis hin zu Kontroversen über die Kompetenzen von Bundes- und Einzelstaaten – seien keine kurzfristigen Erscheinungen, sondern wurzeln tief in den historischen Grundkonflikten der amerikanischen Föderation.
Nach einer Fragerunde verlagerte sich der Austausch in den geselligen Rahmen des Hauses der Heimat. Bei einer kleinen Stärkung und reger Nachfrage am Büchertisch des Karolinger Verlags fand die Buchvorstellung einen stimmungsvollen Ausklang.
Zum Buch:
Titel: 250 Jahre Vereinigte Staaten von Amerika; Autor: Lothar Höbelt; Verlag: Karolinger Verlag, Wien 2026; Format: 264 Seiten, gebunden; ISBN: 978-3-85418-232-0

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