Am Dienstagabend, den 14. April 2026, wurde das „Haus der Heimat“ in der Wiener Steingasse zum Schauplatz einer bewegenden Zeitreise. Unter dem Titel „Vertrieben – Geblieben“ versammelten sich Zeitzeugen, Nachgeborene und Geschichtsinteressierte, um im Rahmen der Reihe „Forum Heimat“ Schicksale zu hören, die die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Es war ein Abend, der deutlich machte, dass Begriffe wie „Eiserner Vorhang“, „Vertreibung“ oder „Internierung“ keine bloßen Vokabeln der Geschichtsbücher sind, sondern tief in die Biografien vieler Menschen eingegrabene Realitäten.
Einleitung und Begrüßung durch Ing. Norbert Kapeller
VLÖ-Präsident Ing. Norbert Kapeller eröffnete den Abend vor einem voll besetzten Saal. In seiner Begrüßung spannte er den Bogen von der historischen Dokumentation zur heutigen Verantwortung. Er betonte, dass die Arbeit des VLÖ und seiner angeschlossenen Landsmannschaften weit über die bloße Traditionspflege hinausgehe. „Diese persönlichen Berichte und filmischen Dokumentationen sind essenziell, um die Geschichte der Heimatvertriebenen lebendig zu halten und die Brücke in die Gegenwart zu schlagen“, so Kapeller.
Er hob hervor, dass gerade in Zeiten neuer globaler Unsicherheiten das Wissen um Flucht, Vertreibung und den mühsamen Wiederaufbau eine wichtige Lehre für die Gesellschaft darstelle. Die Veranstaltung sollte zeigen, dass es zwei Seiten derselben Medaille gibt: jene, die alles verloren und fliehen mussten, und jene, die blieben und in einer oft feindseligen Umgebung ihre Identität bewahren mussten.

Michaela Jana Löff: Das Schicksal derer, die blieben
Als erste Sprecherin gab Michaela Jana Löff (geboren 1975 in Wien) Einblicke in ihre außergewöhnliche Familiengeschichte. Ihre Erzählung begann dort, wo für viele die Geschichte der Vertreibung endet: bei jenen, die nicht gingen. Ihre Großeltern blieben nach 1945 als Österreicher in der Tschechoslowakei zurück. Doch dieses „Bleiben“ war kein Verbleib in der gewohnten Normalität. Frau Löff schilderte eindringlich, wie ihre Vorfahren in ihrer eigenen Heimat plötzlich zu Fremden wurden.
Unter dem aufkommenden kommunistischen Regime waren sie massiven Repressalien ausgesetzt. Sie berichtete von der schleichenden Entrechtung, der Enteignung des mühsam erarbeiteten Besitzes und einer Atmosphäre der ständigen Überwachung und Verfolgung.
Die Großeltern lebten in einer Welt, in der ihre Sprache und Herkunft sie zu Verdächtigen machten.
Ein zentraler Moment ihrer Erzählung war die Geschichte ihrer Mutter. Inmitten dieser bedrückenden Verhältnisse, geprägt von den politischen Spannungen des Prager Frühlings, reifte ein Entschluss. Im Jahr 1968, als sich für einen kurzen Moment die Fenster der Freiheit einen Spalt weit öffneten, traf die Mutter die mutige Entscheidung, die Tschechoslowakei zu verlassen und nach Wien zu gehen. Es war ein Aufbruch ins Ungewisse, getragen von der Hoffnung auf ein Leben ohne Angst. „Es ist eine Geschichte von Stärke, Liebe und Hoffnung“, fasste Frau Löff zusammen.
Ihr Bericht zeigte auf, wie der Eiserne Vorhang nicht nur Länder, sondern Familien zerriss und wie die Sehnsucht nach Freiheit schließlich die physischen und ideologischen Barrieren überwand.
Josef Wagner: Von der Hölle von Gakovo zum Neuanfang in Österreich
Der zweite Teil des Abends gehörte Josef Wagner. Zunächst wurde ein beklemmender, 45-minütiger Ausschnitt eines filmischen Zeitzeugengesprächs gezeigt, das Wagners Odyssee dokumentiert. Wagner selbst war anwesend und verlieh dem Gezeigten eine enorme Authentizität.
Wagners Weg begann mit der kriegsbedingten Evakuierung nach Österreich. Doch die Sehnsucht nach der Heimat war so groß, dass die Familie nach Kriegsende den Versuch unternahm, zurückzukehren. Diese Entscheidung sollte sich als tragisch erweisen. Anstatt die vertraute Heimat wiederzufinden, geriet die Familie in die Fänge der neuen Machthaber und wurde im berüchtigten Lager Gakovo interniert.
Die Bilder und Erzählungen im Film zeichneten ein grauenvolles Bild dieser Zeit: Hunger, Krankheiten und die tägliche Willkür bestimmten das Leben im Lager. „Der Versuch, in die Heimat zurückzukehren, endete tragisch und mündete in der Internierung“, so die sachliche, aber unter der Oberfläche zutiefst erschütternde Zusammenfassung dieser Lebensphase.
Doch Josef Wagner gab nicht auf. Ihm gelang die lebensgefährliche Flucht aus dem Lager. Der Weg führte über Ungarn und schließlich erneut über die Grenze nach Österreich. Hier begann eine ganz andere Herausforderung: die Integration in ein Land, das selbst mit den Trümmern des Krieges kämpfte.
Das Haus der Heimat als Ort der Begegnung
VLÖ-Präsident Kapeller bedankte sich bei Michaela Jana Löff und Josef Wagner für ihre Offenheit. Er betonte abschließend, dass das „Haus der Heimat“ genau für solche Begegnungen der richtige Ort sei – ein Ort, an dem die Vielfalt der altösterreichischen Landsmannschaften zusammentrifft und an dem die Geschichte ein menschliches Gesicht bekommt. Die Veranstaltung endete mit dem Bewusstsein, dass die Freiheit, in der wir heute leben, auf den Opfern und dem Durchhaltewillen von Menschen wie Wagner und der Familie Löff aufgebaut wurde.
Die Dokumentation über Josef Wagner, die im Jahre 2015 im Zuge eines vom VLÖ initiierten Zeitzeugenprojekts entstand, können Sie hier online sehen. Weitere Zeitzeugeninterviews können Sie hier abrufen: https://audiovisuellesarchiv.online/de/collections/15





