80 Jahre nach den Abschiebungen von 1946
Wien/Melk: Ein eindrucksvolles Zeichen für historische Wahrheit, gegen Kollektivschuld und für eine aufrichtige europäische Versöhnung: Der Verband der deutschen altösterreichischen Landsmannschaften in Österreich (VLÖ) und das Militärkommando Niederösterreich gedachten am 1. Oktober 2026 gemeinsam der über 72.000 Heimatvertriebenen, die 1946 über das Sammellager Melk deportiert wurden. Neben hochrangigen Vertretern aus Politik, Bundesheer und Verbänden fand vor allem auch der Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), Stephan Mayer, MdB, deutliche und zukunftsweisende Worte.

Zu diesem feierlichen Anlass versammelten sich zahlreiche Delegationen, Landsleute aus ganz Österreich und Deutschland sowie aktive Soldaten auf dem Gelände der Birago-Kaserne, um dem 80. Jahrestag des Geschehens einen respektvollen Rahmen zu geben. Musikalisch getragen von einem Bläserensemble der Militärmusik Niederösterreich, führte die Gedenkfeier von der schmerzvollen Erinnerung und dem Totengedenken hin zum klaren Bekenntnis, Brücken zwischen den Völkern zu schlagen. Dabei prägte eine Atmosphäre des stillen Innehaltens und tiefen Ernstes das geschichtsträchtige Kasernenareal. Wo heute Pioniere des Bundesheeres ihren Dienst für die Republik versehen, herrschten vor genau acht Jahrzehnten Kälte, Ungewissheit, Not und Verzweiflung: Die Anlage war 1946 als größtes österreichisches Sammellager für vertriebene Volksdeutsche bzw. Altösterreicher eingerichtet worden und fungierte damals als zentrale Drehscheibe für deren Weitertransport in das besetzte Nachkriegsdeutschland.
Kapeller: „Ein in sich unwürdiges Schauspiel“
Die Begrüßung und Eröffnung oblag VLÖ-Präsident Ing. Norbert Kapeller, der von Beginn an keinen Hehl aus den historischen Versäumnissen und den politischen Verwerfungen der damaligen Epoche machte: „Die österreichische Regierung beschloss 1946 über 70.000 Heimatvertriebene – vor allem Sudetendeutsche, aber auch andere Landsleute – von der sowjetrussischen Besatzungszone ins Restdeutschland abzuschieben. Als Sammellager diente diese Kaserne. Vor 80 Jahren wurde die heutige Birago-Kaserne Schauplatz eines in sich unwürdigen Schauspiels – in Fortsetzung der Verantwortungslosigkeit der österreichischen Bundesregierungen gegenüber ihren Altösterreichern. Und wir gedenken heute jener, die nach überlebter Flucht und Vertreibung und nach seelischen wie körperlichen Grausamkeiten in Österreich keine neue alte Heimat finden durften.“
Kapeller hieß eine Reihe von Ehrengästen willkommen, darunter den Landtagsabgeordneten Mario Wührer (in Vertretung von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner), den FPÖ-Vertriebenensprecher im Bundesrat Klemens Kofler, Militärkommandant Brigadier Georg Härtinger, den stellvertretenden Garnisonskommandanten Major Ulrich Kühnel, Niederösterreichs stellvertretenden Landeskulturdirektor Dr. Martin Grüneis sowie die hohe Militärgeistlichkeit mit Militärkaplan P. Walter Alois Körber und Militär-Superior Brigadier Msgr. Mag. Michael Lattinger.
Besonders begrüßte Kapeller die Spitzen der Vertriebenenorganisationen: an der Spitze seinen bundesdeutschen Amtskollegen, den Präsidenten des Bundes der Vertriebenen (BdV) und Mitglied des Deutschen Bundestages, Stephan Mayer, sowie Reinfried Vogler. Für den VLÖ begrüßte er die Vizepräsidenten DDr. Rüdiger Stix und Mag. Gerhard Schiestl sowie Ehrenpräsident Mag. Ludwig Niestelberger. Ebenso galten seine Grüße Mag. Maria Zugmann-Weber (Bundesobfrau der Donauschwäbischen Arbeitsgemeinschaft in Österreich), Christine Lehr (Bundesobfrau der Karpatendeutschen Landsmannschaft in Österreich) sowie Vertretern verschiedener sudetendeutscher Landes- und Bezirksgruppen. Einen besonderen Dank sprach Kapeller dem Mitinitiator LAbg. a. D. Hubert Rogelböck aus, der den entscheidenden Impuls für die Abhaltung dieses Festaktes gegeben hatte.
Der historische Rahmen: Not, Transit und bürokratische Härte
In einem fundierten Impulsvortrag ordnete der Historiker Mag. Niklas Perzi die Geschehnisse des Jahres 1946 detailreich ein. Gestützt auf zeitgenössische Protokolle zeigte er auf, wie prekär und unbarmherzig sich die damalige Situation darstellte.
Perzi zitierte aus den Ministerratssitzungen des Kabinetts unter Staatskanzler Karl Renner – selbst gebürtiger Südmährer –, in denen die Aufnahme deutschsprachiger Vertriebener aus der damaligen Tschechoslowakei mit Verweis auf Ernährungs-, Arbeits- und Wohnungsnot als „unerträglich“ bezeichnet wurde. Noch drastischer äußerte sich der spätere Bundeskanzler Leopold Figl im Sommer 1945, der ein energisches Durchgreifen forderte, da die Vertriebenen nach Deutschland und keineswegs nach Österreich weiterzuleiten seien.
Auf Weisung der alliierten Besatzungsmächte und infolge des Potsdamer Abkommens richtete das österreichische Innenministerium schließlich im Jänner 1946 auf dem Areal der Melker Pionierkaserne ein zentrales Transitlager ein:
- Das Lager trug die offizielle Bezeichnung „Sammellager für Umsiedler Melk – Pionierkaserne“ und unterstand administrativ der Umsiedlerstelle des Innenministeriums.
- Es war ursprünglich für einen kontinuierlichen Durchlauf ausgelegt: 10.000 Menschen sollten gleichzeitig untergebracht werden, insgesamt rechnete man mit bis zu 500.000 Vertriebenen.
- Die Bedingungen vor Ort waren katastrophal: Völlig unzureichende Sanitäranlagen, verstopfte Latrinen, ein Mangel an Trinkwasser, Heizmaterial und Nahrungsmitteln prägten die ersten Wochen. Die Tagesration bestand zeitweise lediglich aus Ersatzkaffee, einer wässrigen Suppe und 200 Gramm Brot pro Person.
- Seuchen wie Typhus brachen aus. Die Bezirksärzte des Bezirkes Melk wurden zwangsverpflichtet, um in provisorischen Ambulanzen täglich zwischen 80 und 120 Schwerkranke zu behandeln.
Insgesamt wurden zwischen dem 29. Jänner und dem 19. April 1946 über Melk sowie weitere österreichische Knotenpunkte 271 Transporte mit über 224.000 Volksdeutschen abgewickelt, davon allein rund 156.000 Sudetendeutsche.
Militärkommandant Härtinger: „Gedenken ohne Aufrechnung – und ohne Auslassung“
Niederösterreichs Militärkommandant, Brigadier Georg Härtinger, unterstrich in seiner Ansprache die historische Verpflichtung des Bundesheeres an diesem geschichtsträchtigen Ort: „Dieses Gedenken hat nichts mit Aufrechnen zu tun. Es hat mit Wahrheit zu tun.“
Härtinger rief die auf der Gedenktafel bei der Kaserneneinfahrt eingemeißelte Zahl in Erinnerung: 72.930 deutschsprachige Altösterreicher, die in 62 Bahntransporten von Melk nach Westdeutschland gebracht wurden. „Das ist keine bloße Zahl. Das sind 72.930 Einzelschicksale, Geschichten von Abschied, Angst und Ungewissheit.“ Mit bemerkenswerter Offenheit sprach der Militärkommandant auch die doppelte Geschichte des Areals an: Von April 1944 bis April 1945 befand sich auf demselben Gelände ein Außenlager des KZ Mauthausen, in dem Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten und starben. „Dass beide Gedenktafeln heute am selben Ort stehen, ist kein Widerspruch – es ist die conditio nostra, unsere österreichische Gesamterfahrung. Das NS-Regime, das hier Zwangsarbeiter in den Tod schickte, hat mit seinem Krieg auch die Vertreibungen entfacht. Wer das eine erzählt, darf das andere nicht verschweigen. Ich bin stolz darauf, dass das Österreichische Bundesheer beide Erinnerungen mit derselben Ernsthaftigkeit pflegt: Gedenken ohne Aufrechnung und ohne Auslassung.“ Härtinger würdigte zugleich den enormen Beitrag der Vertriebenen beim Wiederaufbau Niederösterreichs und betonte, dass viele ihrer Nachkommen bis heute im Bundesheer dienen.
In einer kurzen Grußbotschaft hob der Vertriebenensprecher der FPÖ, Bundesrat Klemens Kofler, die familiäre Verwurzelung hervor: Seine eigene Großmutter sei 1906 in Böhmen geboren worden und habe die Härte der Vertreibung hautnah miterlebt. „Die Geschichte ist nie vorbei. Sie wohnt immer in uns und bestimmt, wer wir heute sind.“
BdV-Präsident Stephan Mayer, MdB: Gegen Kollektivschuld – Für Wahrheit und Versöhnung
Mit großer Spannung und anhaltendem Beifall wurde die Festrede des Präsidenten des Bundes der Vertriebenen (BdV) und CSU-Bundestagsabgeordneten, Stephan Mayer, aufgenommen. Mayer, der selbst mütterlicherseits familiäre Wurzeln im südmährischen Raum um Brünn hat, stellte das Ringen um historische Redlichkeit in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Er knüpfte unmittelbar an die Worte von Brigadier Härtinger an und zitierte den früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel, der 1997 vor dem Deutschen Bundestag und Bundesrat erklärt hatte: „Nur eine Gesellschaft, welche die Wahrheit zur eigenen Geschichte erkennen kann und darf, ist eine tatsächlich freie Gesellschaft.“

Mayer legte dar, dass das Gedenken an das Schicksal der Heimatvertriebenen untrennbar mit dem Gesamtzusammenhang des Zweiten Weltkriegs verbunden sei, der von NS-Deutschland entfesselt wurde und unendliches Leid über Europa brachte. Doch ebenso unmissverständlich betonte er:
„Zur historischen Wahrheit gehört unabdingbar auch der Umstand: Ob man vertrieben wurde, ob man die Heimat binnen 24 Stunden verlassen musste und oft nie wiedergesehen hat – dieser Umstand lag nicht daran, ob man im Zweiten Weltkrieg oder davor persönliche Schuld auf sich geladen hatte. Dieser Umstand lag einzig und allein am Wohnort und an der Volkszugehörigkeit. Es gibt keine Kollektivschuld! Schuld ist immer individuell. Und die kollektive Bestrafung der Deutschen und der Altösterreicher am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg war und bleibt eine eklatante Verletzung von Menschenrecht und Völkerrecht!“
Der BdV-Präsident erinnerte daran, dass das Jahr 2026 eine doppelte historische Mahnung bereithalte: Neben dem 80. Jahrestag des Beginns der organisierten Vertreibungen infolge des Potsdamer Abkommens jährt sich 2026 auch der berüchtigte stalinistische Deportationserlass vom 28. August 1941 zum 85. Mal, durch den rund eine Million Russlanddeutsche willkürlich nach Sibirien und Zentralasien verbannt wurden und rund 150.000 ihr Leben verloren.
Aufbauleistung statt Spaltung
Mit Nachdruck wies Mayer darauf hin, dass die Absichten der damaligen Machthaber nicht aufgingen: „Das Ansinnen von Stalin, Beneš und ihren Schergen war es, die Vertreibung der Sudetendeutschen und Donauschwaben als Spaltpilz für das neue Österreich und das neue Westdeutschland zu nutzen. Doch dieses perfide Ansinnen ist grandios gescheitert! Das Gegenteil ist eingetreten: Die Heimatvertriebenen haben die Ärmel hochgekrempelt. Sie haben nicht gefragt, wo es Bürgergeld oder Grundsicherung gibt, sondern sie haben angepackt! Sie haben ihr Know-how, ihren Fleiß und ihren unbedingten Willen eingebracht und das Wirtschaftswunder der 1950er- und 1960er-Jahre in Österreich wie in Deutschland erst möglich gemacht. Darauf dürfen wir bis heute unheimlich stolz sein!“
Die Verantwortung der Bekenntnisgeneration
Angesichts des fortschreitenden Alters der Erlebnisgeneration richtete Mayer einen dringenden Appell an die Nachgeborenen. Unter dem BdV-Jahresmotto „Bekenntnis und Verantwortung – Unser Kulturgut verbindet Europa“ unterstrich er: „Sich an Flucht und Vertreibung zu erinnern, ist kein Privileg der Erlebnisgeneration. Gerade jetzt, wo diese Generation sukzessive von uns geht, erwächst für uns als Bekenntnisgeneration die unbedingte Pflicht, diese Erinnerung wachzuhalten. In einer Zeit, in der nationale Egoismen und Fliehkräfte in vielen Ländern Europas wieder fröhliche Urständ feiern, reichen wir als Vertriebene die Hand. Wir stehen für Verständigung!“
Als leuchtendes Beispiel für gelungene Versöhnung hob Mayer den Sudetendeutschen Tag zu Pfingsten 2026 in Brünn hervor – das erste Mal überhaupt, dass dieses traditionsreiche Treffen auf tschechischem Boden stattfand: „Trotz anfänglicher Skepsis in Berlin und Prag war es ein überwältigendes Fest des Miteinanders. Der Friedensmarsch, bei dem uns hunderte junge Tschechen mit Plakaten und offenen Armen empfingen, hat mir tief im Herzen gezeigt: Es lohnt sich, Brücken zu bauen! Es verbindet uns mit unseren Nachbarn in Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien unendlich viel mehr, als uns trennt.“
Wührer: „Brücken bauen statt Vorurteile pflegen“
In Vertretung von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner ergriff der niederösterreichische Landtagsabgeordnete Mario Wührer das Wort. Er erinnerte an den persönlichen Bezug, den er schon als Kind in Ybbs an der Donau erfahren hatte: Sein damaliger Pfarrer stammte aus dem südmährischen Frainspitz, war 1946 vertrieben worden und fand in Niederösterreich eine neue Heimat und Berufung.
Wührer mahnte, dass Erinnerungskultur aktiv gelebt werden müsse: „Niederösterreich geht konsequent den Weg des Miteinanders. Jede Geschichte hat ihren Anfang und ihr Ende, doch wir müssen aus ihr lernen. Unser Schicksal heißt Europa – ein positives Europa, in dem wir nicht Ressentiments schüren, sondern den Zusammenhalt stärken.“
Emotionaler Höhepunkt: Bewegende Zeugnisse und Totenehrung
Bevor das Zeremoniell zum religiösen Gedenken überging, kam es zu einem der ergreifendsten Momente des Tages: Kapeller machte darauf aufmerksam, dass mit Anton Petschka ein Zeitzeuge anwesend war, der das Sammellager Melk im Jahr 1946 als Fünfjähriger am eigenen Leib miterlebt hatte.
Spontan erhob sich daraufhin eine weitere Zeitzeugin, Brunhilde Dörr-Niemrichter. Mit tränenerstickter, aber fester Stimme trat sie vor und schilderte ihre traumatischen Kindheitserinnerungen an das Lager Melk: „Ich bin als Sechsjährige durch dieses Lager gegangen. Ich erinnere mich genau an das Strohlager, die vielen zusammengepferchten Menschen und die Furcht. Wenn man seine Notdurft verrichten musste, gab es offene Balken – Menschen sind dort hineingefallen. Auch das gehört zur vollen Wahrheit!“ Sie berichtete unter Tränen, wie ihre Großmutter auf dem Weitertransport von Melk nach Nürnberg entkräftet verstarb. Zugleich mahnte sie eine ehrliche Versöhnung an, die nicht auf halbem Weg stehenbleiben dürfe: „Versöhnung ja, aber sie muss von beiden Seiten kommen und darf das Schicksal der Vertriebenen nicht verschweigen!“
Im Anschluss leiteten Militärkaplan P. Walter Körber und Militär-Superior Msgr. Michael Lattinger mit einem gemeinsamen Gebet, Fürbitten und dem Segen das Totengedenken ein. Beim feierlichen Erklingen des Liedes „Ich hatt’ einen Kameraden“ legten Brigadier Georg Härtinger für die Republik Österreich, Stephan Mayer für den Bund der Vertriebenen sowie die Vizepräsidenten DDr. Rüdiger Stix und Mag. Gerhard Schiestl für den VLÖ Kränze nieder, während die Ehrenposten des Bundesheeres salutierten.
Ausklang und bleibender Auftrag
In seinen Schlussworten dankte VLÖ-Präsident Norbert Kapeller allen Mitwirkenden, der Bundesministerin für Landesverteidigung Klaudia Tanner, dem Militärkommando Niederösterreich sowie den vielen treuen Landsleuten für ihr Kommen. Mit dem gemeinsamen Singen der österreichischen Bundeshymne und der Europahymne fand der offizielle Festakt seinen würdigen Abschluss, ehe die Teilnehmer beim traditionellen militärischen Schöpfgericht noch lange in vertiefenden Gesprächen und persönlichem Gedenken beisammenblieben.
„Das Gedenken in Melk hat eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Die Erinnerung an das Jahr 1946 ist nicht verblasst. Sie lebt in den Herzen der Erlebnis- wie der Bekenntnisgeneration weiter – nicht als Anklage, sondern als ewige Mahnung zur Menschlichkeit, als Bekenntnis zur historischen Wahrheit und als Fundament für ein friedvolles, geeintes Europa“, betonen die VLÖ-Verantwortlichen abschließend.

Fotos von der Gedenkveranstaltung finden Sie hier. Bei der redaktionellen Verwendung bitten wir um Berücksichtigung der folgenden Bildquelle: Albin Fuss /Sarah Polak / ÖBH