„Wir erleben eine historische Zeitenwende und das unsichtbare Schlachtfeld“
Hochkarätige Analyse von Oberst des Generalstabes Dr. Markus Reisner zur geopolitischen Lage, der technologischen Evolution des Ukraine-Krieges und den konkreten Bedrohungen für Österreichs kritische Infrastruktur.
Auf Einladung von VLÖ-Präsident Ing. Norbert Kapeller analysierte Oberst d.G. Dr. Markus Reisner am 10. Juni 2026 im „Haus der Heimat“ die aktuelle weltpolitische Lage. Der renommierte österreichische Militäranalyst zeichnete in seinem rund 90-minütigen Vortrag ein tiefgehendes, teils aufrüttelndes Bild einer globalen Neuordnung, warnte eindringlich vor den konkreten Gefahren moderner hybrider Kriegsführung für Mitteleuropa und lieferte eine schonungslose Lagebeurteilung.

Die Taktik der schieren Masse und das „gläserne Gefechtsfeld“
Reisner verglich die Dynamik des Abnutzungskrieges mit einem Boxkampf. Während zu Beginn technologische Präzision und taktische Überraschungen Wirkung zeigten, verlagere sich Russland – ähnlich dem historischen Boxer Nikolai Walujew – zunehmend auf die Taktik der schieren Masse an Menschen und Material. Nach Zählung des Experten befindet sich der Konflikt mittlerweile in seiner zehnten Phase und droht an den Frontlinien einzufrieren, da keine Seite mehr signifikante Raumgewinne erzielen kann.
Ursache hierfür ist das sogenannte „gläserne Gefechtsfeld“:
- Todeszone Drohne: Durch den omnipräsenten Einsatz von Aufklärungs- und Angriffsdrohnen wird jede Truppenansammlung im Keim erstickt. Entlang der Front hat sich eine rund 50 Kilometer breite „Todeszone“ gebildet, in der die Bewegung von gepanzerten Fahrzeugen kaum noch möglich ist.
- Die Evolution der Systeme: Reisner skizzierte die rasante technologische Entwicklung. Nach analogen und digitalen Systemen fliegt die dritte Generation bereits über bis zu 55 Kilometer lange Glasfaserkabel, was sie absolut immun gegen elektronische Störmaßnahmen macht. Die nun aufkommende vierte Generation operiert vollständig autark mittels Künstlicher Intelligenz (KI).
„Der psychologische Druck ist beispiellos. Soldaten nehmen sich beim bloßen Surren einer Drohne über ihnen das Leben, um nicht auf dem Schlachtfeld qualvoll zu sterben“, so Reisner unter Berufung auf gesichtetes Videomaterial.
Geopolitisches Schachbrett: Globaler Süden vs. Globaler Norden
Der Experte betonte, dass die Ukraine-Frage längst Teil eines weit größeren Konflikts zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden ist. Es finde eine historische Emanzipation statt, bei der Regionen wie China und Indien den Anspruch auf eine multipolare Weltordnung erheben und sich nicht mehr vom Westen bevormunden lassen.
- China agiere als strategischer Kopf im Hintergrund und habe kein Interesse daran, dass Russland verliert, da der Konflikt die USA bindet.
- Nordkorea fungiert als materieller Motor und hat in den letzten drei Jahren fast 9 Millionen Schuss Artilleriemunition an Russland geliefert – eine Menge, von der westliche Rüstungsschmieden weit entfernt sind.
- Indien nutzt die Situation pragmatisch, kauft billige Rohstoffe aus Russland und verkauft sie teurer an den Westen weiter.
Gleichzeitig verändern die USA unter der Administration Trump ihre Prioritäten drastisch. Die National Security Strategy sieht einen Rückzug auf die eigene Hemisphäre und Kerninteressen vor. Reisner zitierte die klare Haltung Washingtons: „Europe has to lead when it comes to Russia“ – die Europäer müssen die Führung im Umgang mit Moskau selbst übernehmen, während sich die USA China und dem Pazifik zuwenden.
Österreich im Visier des „unsichtbaren Schlachtfelds“
Besonders eindringlich warnte Oberst Reisner vor der Illusion, Österreich sei durch seine Neutralität geschützt oder geopolitisch isoliert. Österreich liege im Herzen der europäischen Versorgungs- und Kommunikationslinien und spiele eine kritische Rolle. „Das Ziel dieser hybriden Kriegsführung ist es, unsere Gesellschaft zu spalten, Verwirrung zu stiften und uns die Deutungshoheit zu nehmen“, warnte Reisner.
Schonungslose Bilanz der Verlustzahlen
Auf Nachfrage aus dem Publikum bezüglich der realen Verluste nannte Reisner die folgenden Zahlen: Nach rund vier Kriegsjahren wird von 350.000 getöteten russischen Soldaten und ca. 750.000 Verwundeten ausgegangen. Auf ukrainischer Seite belaufen sich die Verluste laut Experten realistisch auf bis zu 250.000 Gefallene und Vermisste sowie rund eine halbe Million Verwundete.
Historisches Fazit: Appell gegen die Trägheit
Reisner schloss mit einem eindringlichen historischen Vergleich zum Jahr 1926 in Österreich. Auch damals habe man sich in politischen Grabenkämpfen und Untersuchungsausschüssen verloren, Infrastrukturprojekte blockiert und die Augen vor den aufziehenden Extremen verschlossen – mit den bekannten fatalen Folgen der Jahre 1927, 1934 und 1938.
„Wir sind historische Eintagsfliegen und neigen dazu, zu glauben, Frieden sei der Normalzustand“, resümierte Reisner. „Wenn wir nicht aktiv und wehrhaft an unserem Schicksal arbeiten, treten wir genau in dieselben Fehler hinein wie unsere Vorfahren“, so Reisner abschließend.



















